Offener Brief an OB Rickauer « „Roter Baum“ e.V. Zwickau

Offener Brief an OB Rickauer

Betroffene rechter Gewalttaten in Limbach-Oberfrohna unterstützen!
Offener Brief unseres Vereins an den Oberbürgermeister von Limbach-Oberfrohna

Sehr geehrter Oberbürgermeister
Dr. Hans-Christian Rickauer,

mit Bestürzen nahmen wir, der Jugendverein „Roter Baum“ Zwickau, die Nachricht einer erneuten neonazistischen Gewalttat in Limbach-Oberfrohna zur Kenntnis. Am Abend des 13. November wurden nicht nur alternative Jugendliche von bekannten Personen aus dem Umfeld der sogenannten „Nationalen Sozialisten“ durch Ihre Stadt gejagt, um wenig später mit Schlägen, Tritten und Schlagringen zu Boden geprügelt zu werden, es wurde zudem das Vereinsdomizil der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung auf der Dorotheenstraße offensichtlich von Neonazis in Brand gesteckt.
Erschreckend gestaltet sich für uns zum einen die deutliche Brutalität und aggressive Qualität des Anschlags; erschreckender jedoch ist es zu sehen wie der einzige Schutz- und Freiraum für Jugendliche, die sich in Limbach-Oberfrohna gegen Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus engagieren, angegriffen wird, ohne eine einzige Bekundung der Betroffenheit, der Solidarität, der Verurteilung der Gewalttat Ihrerseits oder auch nur ein einziges Mal den Betroffenen der Tat Ihr Mitgefühl auszusprechen.
Dabei ist dies nicht das erste Mal, dass das Vereinshaus Ziel rechter Gewalttäter wurde. Bereits vor der Eröffnung im Jahr 2008 gingen die ersten Fensterscheiben zu Bruch. Dies wiederholte sich in den folgenden zwei Jahren immer wieder, mehrmals wurde versucht in das Gelände einzudringen oder Neonazis skandierten rechte Parolen vor dem Gebäude.

In Limbach-Oberfrohna hat dies anscheinend Tradition und wird schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Seit 2004 wurden in Ihrer Stadt über 70 rechte Straftaten registriert. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.
Anstatt das Neonazi-Problem allerdings zu benennen und schlussfolgernd dagegen vorzugehen, übt man sich von Seiten der städtischen Behörden in Verleumdung. In ihrer Stadt gäbe es keine Nazis und schon gar kein Problem mit rechten Strukturen, so die Meinung der Stadtoberen bzw. der CDU.
Genauso wie es in der Sächsischen Schweiz keine Nazis gab. Genauso wie es in Mügeln, Dessau oder gar in Rostock-Lichtenhagen keine Nazis gab. Nichts weiter als rivalisierende Jugendbanden also.

Wäre es nicht so traurig, man könnte es für einen schlechten Scherz halten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es in diesem Jahr allein in Sachsen bereits mindestens 14 rechtsmotivierte Brandanschläge gegeben hat, die sich vornehmlich gegen linke Wohnprojekte, Lokale von Menschen mit Migrationshintergrund und Autos von Menschen richteten, die sich schlicht gegen Neonazis engagieren, wirkt dieses Verhalten der Stadt eher wie ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen. Es ist bei den Anschlägen auf die bewohnten Häuser, wie auch bei diesem Brandanschlag nur dem Zufall zu verdanken, dass niemand verletzt oder gar getötet wurde.
Dabei verfestigen sich neonazistische Strukturen in aller Öffentlichkeit. Nicht nur, dass die NPD regelmäßig gut besuchte Vorträge mit geladener Parteiprominenz organisiert, sogar ein Parteitag ungestört stattfinden kann und die sogenannten „Freien Kräfte“ Limbach-Oberfrohna längst zur „national befreiten Zone“ erklärt haben. So sitzt seit Juni 2009 nun auch ein Kandidat der NPD in Limbach-Oberfrohna im Stadtrat und rundet somit das Bild der Stadt, die partout kein rechtes Problem sehen will, ab.

Zu allem Überfluss wird mit der populistischen Extremismusformel das Engagement nicht-rechter Jugendlicher kriminalisiert. Dabei scheint es fast ignorant, gewaltbereite, rassistische und menschenverachtende Nazigruppen mit den Aktivitäten der Bildungsvereinigung gleichzusetzen, mehr noch den linken Jugendlichen sogar die Schuld an der eskalierenden Gewalt zu geben.
Diese würden die Rechten schließlich provozieren, so der scheinbar gängige Konsens in Limbach-Oberfrohna.

Die Soziale und Politische Bildungsvereinigung setzt sich für die Etablierung eines alternativen, emanzipatorischen Freiraums in Ihrer Stadt ein. Einen Freiraum ohne verbreitete gesellschaftsfähige Ressentiments wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie und einen Ort, der das Leben für Jugendliche in Ihrer Stadt erträglicher und interessanter machen könnte.
Wenn all dies bereits Provokation genug ist, dann, Herr Rickauer, müssen selbst Sie einsehen, könnte Ihre Stadt ein neonazistisches Problem haben.

Wir, der Jugendverein „Roter Baum“ Zwickau, protestieren hiermit gegen das Verhalten der Stadt Limbach-Oberfrohna zum bestehenden neonazistischen Problem und gegen die Kriminalisierung von linken, emanzipatorischen Projekten in Ihrer Stadt. Wir solidarisieren uns ausdrücklich mit der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna. Außerdem fordern wir Sie auf, endlich Stellung zur unerträglichen Situation in Limbach-Oberfrohna zu beziehen, die Probleme zu analysieren und Lösungen gerade auch mit und für die Betroffenen der Gewalttaten zu finden.

Mit freundlichen Grüßen
Jugendverein „Roter Baum“ e.V.
Ortsgruppe Zwickau „Baumhaus“
18. November 2010

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1 Antwort auf “Offener Brief an OB Rickauer”


  1. 1 Rudolph, Robby (FAU-SWS) 02. Dezember 2010 um 3:04 Uhr

    0 Antworten auf “Offener Brief an OB Rickauer” Anmerkung: Die Null steht für schlichte Schriftzeichen, scheinbar zeichnet sich allerdings doch eine „Antwort“ ab. Die uns nur allzu bekannte „Gewalt der Ignoranz!“ Ich bin nicht in der Situation Forderungen zu stellen, beobachte jedoch die Vorkommnisse in Limbach-Oberfrohna seit geraumer Zeit. Mir drängt es sich auf, neben Wut und über weite strecken hinweg gefühlter Ohnmacht, aber vor allem mit Blick auf die Zukunft, speziell um Sorge von körperlicher Unversehrtheit egal welcher Bürger Limbach-Oberfrohna`s, Herrn Rickauer eindringlichst auf seine Mitverantwortung hinzuweisen!!

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