Pragmatisch, praktisch, gut « „Roter Baum“ e.V. Zwickau

Pragmatisch, praktisch, gut

Die Kirche macht aufmerksam, die Oberbürgermeisterin bezahlt’s und der Verein Roter Baum macht die Arbeit – wie Zwickau mit antisemitischen Graffiti umgeht.
Christian Gesellmann in der Freien Presse vom 3. November 2014

Zwickau. Die Ausgangssituation ist verzwickt: An einer Betonmauer entlang eines Fußweges in Marienthal, der zu einem Kindergarten führt, prangen seit einigen Wochen volksverhetzende antisemitische Graffiti. Darauf machten Vertreter der Kirchen in Zwickau bei einer Podiumsdiskussion vergangene Woche aufmerksam. An jenem Abend in der Hochschulbibliothek ging es um die Frage, wie man generell mit solchen Schmierereien umgehen sollte – schnell wegmachen und verschweigen? Oder Polizei und Presse auf den Plan rufen? Anlass war ein Hakenkreuz, das Anfang des Jahres auf die Gedenktafel für die Holocaust-Opfer am Georgenplatz geschmiert worden war.

Nun gab es dieses neue Graffiti in Marienthal und die Frage wurde praktisch. Der Eigentümer der beschmierten Wand lässt es seit Wochen stehen. Das Ordnungsamt kann nicht eingreifen, weil es Privateigentum ist. Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) saß auf dem Podium und handelte pragmatisch: Sie gab dem Verein Roter Baum 50 Euro, damit dieser sich um den Fall kümmert. „Das habe ich als Privatperson getan“, sagt sie. „Solche Parolen müssen so schnell wie möglich verschwinden, darum kümmert sich das Ordnungsamt normalerweise auch. Aber bei Privateigentum sind uns die Hände gebunden. Es ist ein rechtliches Problem.“

Für René Hahn und die anderen Mitglieder vom Roten Baum ist klar, wenn das Recht Unrecht schützt, muss man sich auch mal darüber hinwegsetzen: „Wir könnten uns ja auch hinstellen und sagen, wir machen es lieber nicht, weil wir keine Anzeige riskieren wollen. Aber uns ist es wichtiger, dass diese Parolen schnell verschwinden. Trotzdem versuchen wir natürlich erstmal Kontakt zu den Grundstücksbesitzern aufzunehmen.“

Das tat Hahn und fand heraus, dass der vermeintliche Eigentümer, ein Zwickauer Einzelhändler, auch schon von der Polizei aufgefordert wurde, sich zu kümmern. Er sei aber noch im Unklaren, ob er überhaupt Eigentümer ist. Am Reformationstag rückte der Rote Baum jedenfalls erstmal in Absprache mit dem Eigentümer mit weiß-grauer Grundierungsfarbe an, damit die Parolen verschwinden. Später soll an gleicher Stelle ein buntes Graffiti entstehen – pragmatisch, praktisch, gut!

Meldet Euch bei uns, wenn Ihr ebenfalls Nazischmierereien in Zwickau entdeckt: zwickau[ät]roter-baum.de!

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