Menschen auf der Suche nach Frieden « „Roter Baum“ e.V. Zwickau

Menschen auf der Suche nach Frieden

Mehrere hundert Gäste haben am Samstag das Willkommensfest für Asylbewerber in Neuplanitz besucht. Das verlieh dem Stadtteil eine neue Note.
Sara Thiel in der Freien Presse vom 17. November 2014

Zwickau – Beate Wiegner sitzt in der Sonne und schaut dem Treiben mit ein bisschen Abstand zu. Die Musik, die hier über den Hof schallt, ist eher mal nichts für die 50-Jährige. Und die ganzen Kinder hier, die laut durcheinanderquasseln, obwohl sie kaum deutsch können und manchmal auch gar nicht ihren Gegenüber verstehen? Beate Wiegner lächelt. „Sind doch auch Menschen“, sagt die Neuplanitzerin.

Sie hat von den Protesten gegen die Asylbewerber, die in dem Stadtteil eine Wohnung bekommen haben, gehört. Aber sie hat ihnen nicht so viel Gewicht beigemessen. „Jeder Mensch soll in Frieden leben“, findet sie. „Und es macht mich glücklich, wenn die Kinder hier wieder spielen können.“ Angst vor diesen Menschen hat sie nicht. „Ich gehe abends arbeiten und habe noch nie Angst vor jemandem gehabt.“

Das würde Ghassam Al Akoum auch gern sagen. Die 48-Jährige ist mit ihrem Mann aus dem Libanon geflohen. Sie hatte dort ein kleines Restaurant – und Ärger mit der Hisbollah, einer im Libanon agierenden Partei und Miliz. Ihre Kinder im Alter von 16 bis 20 Jahren hat sie zurückgelassen, für deren Flucht sei nicht genug Geld da gewesen. Hier in Deutschland sucht sie Frieden, sagt sie. Und eine Möglichkeit, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Gefunden hat die Frau noch keinen Frieden, erst kürzlich sei sie hier in Zwickau von drei Fremden bedroht worden, einer habe ihrem Mann ein Messer an den Hals gehalten. Was sie wollten, weiß sie nicht – so gut versteht sie noch kein deutsch. Ghassan Al Akoum hat den Vorfall der Polizei gemeldet – und versucht nun, tatsächlich Frieden zu finden. Sie hat für das Fest libanesisch gekocht, denn auch Freundschaft führt durch den Magen.

Die Freundschaft braucht noch nicht mal unbedingt Worte. „Die Kinder verstehen sich auch so“, sagt Elfried Börner von der Stadtmission. Er baut Skateboards mit den jungen Leuten und schaut zu, wie die Kinder damit ihren Spaß haben. Börner hat auch einige gebrauchte Anziehsachen dabei, die unter den Flüchtlingen dankbare Abnehmer finden.

Einer von ihnen ist Spejtim Sabnocki. Er ist mit seinen vier Kindern aus Mazedonien nach Deutschland gekommen, weil er in seiner Heimat nicht genug Geld hatte, um seine Kinder zur Schule zu schicken. „Hier haben sie alles“, sagt er. „Sie können lernen, und ich lerne von ihnen.“ Dass einige Neuplanitzer – und nicht nur sie – gegen die Unterbringung von Flüchtlingen protestiert haben, weiß er. „Aber wir sind nicht die Leute, vor denen man Angst haben muss. Wir sind auch nicht laut. Denn ich weiß: Wenn wir in einem fremden Land sind, müssen wir uns ruhig verhalten.“

Dass die Asylbewerber Lärm und Angst verbreiten, findet Anja Boussouf nicht. Die 39-jährige Neuplanitzerin hat noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. „Meine Kinder gehen noch genau so aus dem Haus wie früher.“ Sie hätte an diesem Tag gern mehr Leute getroffen. Denn auch, wenn ein großer Teil der in Neuplanitz wohnenden Asylbewerber zum Fest gekommen sind: Auf dem Hof ist noch Platz. Auch für Abdulochi Yordanos aus Eritrea. Die 23-Jährige und ihre jungen Freunde sind allein aus dem nordafrikanischen Land nach Deutschland gekommen. Auch sie auf der Suche nach Frieden. Was sie hier gefunden haben: „Viele freundliche Menschen“, sagt die junge Frau. Sie möchte hierbleiben. „Und einfach lernen, arbeiten, leben. Mehr nicht.“

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